Hightech-Jurten

Metropolis

Kein Ölgemälde. Kein Spielzeugmodell. Nicht Metropolis.
Astana. Zu deutsch: „Die Hauptstadt“ (da war ein ganz kreativer Kopf am Start) der Kasachen.*
*psspsssss: Die eigentlichen Besitzer sind Baufirmen aus der Türkei und Japan. Sie haben die Stadt in Sekundenschnelle aus dem Boden geklöppelt, seit vor 12 Jahren eine neue Hauptstadt her sollte.

Für den Touristen „mal was ganz anderes“!

Die uns vertraute europäische Stadt ist über die Jahrhunderte wie die Schalen um die Zwiebel (ich möchte fast sagen „natürlich“) herangewachsen. Der Bauplan sieht etwa Folgendes vor – von Innen nach Außen:
Historischer Stadtkern -> Neubaugebiet -> Industriegebiet -> ein paar putzige Dorfhäuschen -> Schrebergärten -> saftige Wiesen und Felder, Idyll

Der Bauplan von Astana entspricht dem…nicht ganz:
Stadtkern aus güldenen Hochhäusern (Asiaten stehen offenbar ssSehr auf Gold) -> Zack! apruptes Ende der Hochhäuser -> Zack! apruptes Ende der Straßen -> Zack! Pampa…Steppe…das vollkommene Nichts…

Doch das Nichts kündigt sich im Grunde schon in der Stadt an.
Kein Müll.
Kein Staubkörnchen.
EchooOOO…
Überall Bauarbeiter, Blumengieser, Straßenkehrer und Klinkenputzer.
ABER WO SIND ALL DIE NORMALEN MENSCHEN??
Für wen macht ihr euch eigentlich den ganzen Baustress?

Astana, ein absolut surreales Erlebnis.
Hier zur Buchung.

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Großes Kino

Noch zum Vergleich zu unserem monumentalen Videoklip: „Patschka Sigaret“ von der russischen Kultband Kino.


Pfff…Lächerliches Plagiat!

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Smoking with accent

Opernsängerin Julien Rjabko, Rüthel the Knife und ein Reisezwerg aus Arabien geben ein Exklusivkonzert anlässlich der Geburt ihrer Königin Ksiuschenka die Große.


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Die EUROPÄISCHE UNION in 10 Geboten – Eine Reisebibel für Russen

EU

1. Auf russischer Seite sind bei der Ausreise rund 4 Grenzkontrollen inkl. Kreuzverhör zu unmenschlicher Uhrzeit zu erwarten. Es ist anschließend allerdings keineswegs als Provokation aufzufassen, dass der EU-Grenzbeamte dem Reisedokument nur 2 Sekunden Aufmerksamkeit schenkt. Und dann durchwinkt.
2. Die EU-Luft duftet nach Freiheit: Vor allem nach der Freiheit von Abgas und Staub.
3. Der EU-Bürger spricht für gewöhnlich Englisch…Zumindest kann er auf Englisch sagen, dass er kein Englisch spricht…In jedem Fall aber bleibt er stehen, wenn er auf der Straße angesprochen wird.
4. Es ist in der EU nicht üblich, mit dem Kellner um den Endpreis bereits verspeister Mahlzeiten zu feilschen.
5. Die EU-Polizei ist dein Freund und Helfer. Sie erwartet dafür keine Gegenleistung.
6. Vorsicht! Das Streben des EU-Mannes nach „Stil“ – in Kleidung und Inneneinrichtung – gibt keinerlei Aufschluss über seine sexuelle Orientierung! Auch ist ein unter EU-Männern stark verbreiteter Kochzwang keinesfalls als Emanzipationserfolg der EU-Frau miss zu verstehen: Viel eher gibt gerade die Küche dem Mann oft Raum, verdrängte diktatorische Züge auszuleben!
7. Lächeln im Supermarkt und an anderen öffentlichen Plätzen ist in der EU eine Form der Höflichkeit. Keinesfalls ein Zeichen für Debilität.
8. Das Trinken von Wasser aus der Leitung in einem EU-Land ist kein Ausweg in die Frührente!
9. EU-Autos bremsen für Fußgänger. Ohne Hupen!
10. Vor allem in den nördlichen EU-Staaten ist Alkohol ein Wertgegenstand, kein Grundnahrungsmittel. Eine Glasvitrine verschafft mehr Klarheit über den Sozialstatus!

union
Mehr Fotos von meiner abenteuerlichen Reise nach Helsinki und Tallinn hier

Die Schwarze Fahrerin – Eine Geschichte für meine Enkel

KAPITEL 1. Das persönliche Amüsement.

Im Leben gibt es nur ein sinnvolles Ziel: Es darf nicht langweilig werden. Jeder Mensch sucht sich deshalb seine ganz individuelle Belustigung.
Die Belustigung der Protagonistin dieser Geschichte ist das Reisen. Und so stellt sie sich gelangweilt in der kilometerlangen Schlange am Sankt-Petersburger Bahnhofsschalter an, um einer wortkargen Dame hinter Glas ihren deutschen Pass hinzustrecken und ihren Reisewunsch zu äußern.

Wenig später informiert das frischgedruckte Zugticket:
Wagon 8, Pritsche 43.
Fahrtzeit: 24 Stunden.
Sankt-Petersburg – Kiev.

Weitere Infos am Zugschalter. Fahrtroutenplan nicht erhältlich.

Sankt-Petersburg - Kiev

KAPITEL 2. In einem Boot.

Am Morgen erwacht sie von etwas Unerwartetem: Sonne. Ein Phänomen, dass sie nach acht Monaten Sankt-Petersburg nur noch von Augenzeugenberichten kennt. Mit dem Interesse eines Forschungsreisenden räkelt sie sich auf ihren 1,5 Quadratmeter Privatsphäre mit der Nummer 43 und blinzelt aus dem staubigen Zugfenster. Ein Bahnhof. Ein Schild. VITEBSK.
Vitebsk. Vitebsk….hallt es in ihrem Kopf.
Liegt Vitebsk nicht in Weißrussland?
Ein Gefühl macht sich in ihr breit, dass mit Langeweile nur noch peripher zu tun hat.
Denn sie weiß: Der EU-Bürger darf zwar visafrei in die Ukraine einreisen. Allerdings braucht er ein Transitvisum, um durch Weißrussland fahren zu dürfen – auch wenn er seinen Fuß nie auf weißrussische Erde setzt. Hat er das Transitvisum nicht, tja, dann kommt er in die Hölle.

Die Hände der Protagonistin werden nass, ihre Atmung geht flach. Doch noch gibt es Hoffnung.
Scheinheilig ruhig fragt sie ihre frisch zugestiegene Pritschennachbarin: „Liegt Vitebsk nicht in Weißrussland?“ Eine Pause folgt. Dann die Antwort. In Zeitlupe.
„Na-tür-lich!“
Die Dame ist entrüstet ob soviel Unwissenheit. Offenbar ist sie Weißrussin. Ihre Entrüstung ist der Beweis. Ebenso wie ihr weißes Haar.

Weiße Russin

Der Magen der Protagonistin zieht sich ruckartig zusammen. Von ihren Händen rinnen nun Wasserfälle. Wie ein Puzzle setzt sich alles zusammen. „Ach, Oh Weh! Wieso hat mir die Dame am Schalter nicht gesagt, dass der Zug durch Weißrussland fährt? Sie hat doch meinen deutschen Pass gesehen! Und wieso habe ich es mir nicht gleich selbst gedacht? Schließlich bin ich in Petersburg am VITEBSKER Bahnhof eingestiegen!…Sie werden mich verhaften! Aus Dummheit! Die Leute sagen, in russischen Gefängnissen wird geprügelt. Was, wenn sie mich nie mehr zurücklassen? Schließlich bin ich ein illegaler Einwanderer.“
Der Zug schaukelt. Schaukelt.
Sie sitzt in einem Boot mit ihren schwarzen Brüdern und Schwestern. Auf Steuerbord die Küsten Europas…Das Wort Schwarzfahrer bekommt plötzlich eine ganz neue Dimension…

Ein halber Tag noch bis zur ukrainischen Grenze. Ein halber Tag psychischer Folter. Ratterratterratter in Richtung Hölle.
Endlich quietscht es. Hunde bellen. Die Waggontür öffnet sich geräuschvoll. Die tiefen Stimmen dreier Männer in grünen Uniformen kommen immer näher. Stampfstampf. „Passport!“ Es sind die Reiter der Apokalypse mit ihrem Höllenhund. „Passport!“ Es ist das erste mal, dass sich die Schwarzfahrerin nicht über den Anblick ihres deutschen Passes freut.
„Vielleicht übersehen sie ja das fehlende Visum…“ Doch wie können sie etwas übersehen, das gar nicht zu sehen ist?
Auch bestechlich sind Höllenreiter nicht. Sie sind hart. Unbeirrt bitten sie die Schwarzfahrerin, den Zug zu verlassen.

Sie räumt ihren Platz. Nach Stunden der Anspannung ist sie nun innerlich ruhig. Überhaupt schweigt das ganze Zugabteil. Stille Augenpaare. Die weiße Russin ist noch weißer geworden. Sie drückt die Hand der Verurteilten zum Abschied. Sie hat ihr längst verziehen. Die Schaffnerin wünscht Alles Gute.

Dann fällt Waggontür 8 hinter der Schwarzfahrerin ins Schloss. Sie weiß: Es ist ihr letzter Gang.

KAPITEL 3. Das Lächeln der Verzweiflung.

Es folgt der Wendepunkt: Die Wende zurück nach Norden. Die apokalyptischen Reiter sehen bei Sonnenlicht gar nicht mehr so bedrohlich aus. Auch der Höllenhund heißt eigentlich Teddy und hat es sich auf dem warmen Teer der Plattform gemütlich gemacht. Auf dem Nebengleis rattert ein Zug ein. In Gegenrichtung. Die Reiter verabreden mit dem Schaffner, die Schwarzfahrerin kostenlos zu transportieren. 40 Minuten. „Steigen Sie in GOMEL aus! Dort bekommen Sie Ihr Transitvisum!“ Sie drücken ihr zum Abschied eine Adresse in die Hand. Und dann passiert das Unmögliche: Sie lächeln…

Gomel ist die Stadt, aus der bisher niemand lebend zurückgekehrt ist. Warum? Das altbekannte Spiel. Verwaltungseinheit A schickt sie zu Verwaltungseinheit B, B zu C, und C wieder zu A. Niemand ist für nichts zuständig. Das grüne, das blaue, das rote Dokument und tausend Adressen in der Hand findet sich die Schwarzfahrerin langsam damit ab, dass sie ihre Lieben nie wieder sehen wird.

Gomel

Endlich erreicht sie die richtige Administration. Ein Frauenbetrieb: Sechs lächelnde Damen in Uniform.
Längst hat die Schwarzfahrerin das System durchschaut: Weißrussland und Russland haben die gleiche stupide Bürokratie. Es gibt allerdings einen Unterschied: Während die russischen Beamten sich scheinbar mit ihren Gesetzen so sehr identifizieren, dass ihnen ungesund frequentös das Wutblut zu Kopf schießt und die Stimme regelmäßig der Heiserkeit anheim fällt, bleibt der Teint der weißrussischen Beamten beim Vollstrecken ihrer Regeln kalkweiß. Stattdessen lächeln sie einfach immerzu.
Allerdings macht das die Sache nur noch absurder.

Die sechs Frauen in Uniformen haben schnell verstanden, dass es sich in diesem Fall nicht um einen billigen Immigrationsversuch handelt, sondern um die ziemlich dumme Fahrlässigkeit einer ziemlich dummen Ausländerin, die schlichtweg nicht wusste, dass der Zug durch Weißrussland fährt. Dennoch verbringt die Schwarzfahrerin die folgenden 2,5 Stunden damit, einem uniformierten Damenrücken in jedes Zimmer des Erdgeschosses zu folgen. 102, 103, 104, 105,…In jedem Zimmer steht ein zentnerschweres Buch im Regal, das unbedingt von der Schwarzfahrerin signiert werden muss. Ein Protokoll wird aufgesetzt, ein Transitvisum in den Pass geklebt…und eine Strafe wegen Verletzung der Staatsgesetze ist zu zahlen: Ein Millionenbetrag. In weißrussischen Rubeln.
In Euro: 15.

Endlich sieht die Schwarzfahrerin das Tageslicht wieder. Beschwingt schließt sie die Tür hinter sich. Doch…„Warten Sie! Warten Sie!“ tönt es blechern dahinter.
„Was haben sie sich denn jetzt noch ausgedacht?“ denkt sie und zieht kurz in Erwägung, einfach loszurennen. Aber da blitzen bereits die Perlweißzähne der Uniformdame Nr.4 zwischen dem Türspalt hervor. Lächeln: „Wir haben vergessen, Ihre Fingerabdrücke zu nehmen!“ Natürlich.

KAPITEL 4. Schwarz.

Zimmer 311. Drei Männer lächeln hinter drei Schreibtischen hervor. Für Männer war im Erdgeschoss wohl kein Platz mehr.
Während die Schwarzfahrerin überlegt, was für einen Verwaltungsaufwand wohl ein richtige Straftat verursachen würde, färbt ein Junge namens Vova seine quietschende kleine Rolle in einer dicken schwarzen Paste. Das Schwarz fühlt sich kalt an auf den Daumen und hat die Macht, Daumen auf weißem Papier in riesige Kreise zu verwandeln. Mai, wie hübsch! Gerührt hebt sie die beschmierte Hand in Richtung der drei Männer. „Nun denn! Auf Wiedersehen!“

„Halt! Das war noch nicht alles!“ ruft lachend Vova durch das helle Quietschen seiner Rolle, die sich als Drohung schon wieder neu in der schwarzen dicken Paste suhlt.

Um den Mund der Schwarzfahrerin zuckt nun ein Lächeln. Sie kommt der Sache langsam auf den Grund: Nein, Lächeln ist in Weißrussland keineswegs eine Geste der Freundlichkeit. Es ist die pure Resignation!

Sie betrachtet das Muster ihrer auch anderen 8 Finger auf dem weißen Papier und belässt es dann vorsorglich bei einem stummen Winken. Vielleicht war „Auf Wiedersehen!“ einfach nicht die richtige Abschiedsformel.

„Halt! Das war noch imme nicht alles!“ Autsch! Vovas Rolle quietscht zum dritten mal. Jetzt nicht mehr auf dem Tisch, sondern in ihrem Kopf. Die Schwarzfahrerin fühlt einen hysterischen Anfall in sich hoch kriechen. Laut lachend will sie ihren Kopf in die schwarze dicke Paste schmeißen, herumwälzen und auf das schöne weiße Papier drücken. „Da!“ möchte sie kreischen. „Wollt Ihr auch noch meine Füße?“
Doch der lächelnde Vova will nur noch ihre Handflächen.

Ihr Hände sind nun völlig schwarz, kein weißer Flecken ist mehr zu sehen. „Was für ein geistreiches Stigmata habt ihr euch da einfallen lassen – für Schwarzfahrer!“

KAPITEL 5. Absurdes Theater für 1 Mio.

Gehetzt, stinkend und schief lächelnd rennt die Schwarzfahrerin nun durch Gomel. In ihrer Paranoia davor, dass ihr Uniformdame Nr.1 auf dem Heimweg zufällig in die Arme läuft und überdenkt, Fußabdrücke könnten vielleicht doch nicht schaden, beschließt die Schwarzfahrerin, vorsorglich in einem Restaurant Unterschlupf zu suchen. Sie hechtet sich nach links in einen leeren Raum.
Drei Frauen sitzen an einem Tisch. Sie schweigen. Im Dunkeln.
„Entschuldigung, ist hier geschlossen?“
Stille.
Dann plötzlich Krach. Die Schwarzfahrerin fährt zusammen.
„Nein! Nein! Nein!“ Die Frauen springen auf und klatschen euphorisch in die Hände. Die Erste macht das Licht an. Die Zweite dreht die Musik auf. Die Dritte drückt den Gast auf einen Stuhl am besten Tisch des Hauses und verschwindet in der Küche. Kurz zieht die Schwarzfahrerin in Erwägung zu fragen, seit wie vielen Jahrhunderten hier kein menschliches Wesen mehr gespeist hat und ob es die Besitzerinnen wohl bevorzugten, erst einmal frische Produkte einkaufen zu gehen.

Die Köchin kocht schnell. Sie hat nur einen Gast und ist zudem hochmotiviert. Wenn das Essen einmal gar ist, vollzieht sich wiederholt folgendes Spektakel: Die Köchin kommt aus der Küche, schlurft zur Bedienung an der Theke, tippt sie an, ruft „Fertig!“ und zieht sich wieder in die Küche zurück. Die Bedienung bindet sich ihre Schürze um, folgt der Köchin in die Küche nach und bringt die Speisen dem König Gast. Der in zwei Metern Luftlinie Entfernung sitzt. „Das ist wohl eine neue Arbeitsbeschaffungsmaßnahme,“ schmunzelt die Schwarzfahrerin, „oder das absurde Theaterstück ist im Preis inklusive.“

Der Preis für üppiges Essen, üppig Wodka und absurdes Theater ist eine Millionensumme. In weißrussischen Rubeln. In Euro:10.
Die Schwarzfahrerin gibt ein bescheidenes Trinkgeld von einigen 100 000.

KAPITEL 6. Zwei Minuten Ruhm.

Weißrussland ist ein großzügiges Land. Das Zugticket nach Kiev lässt sich umtauschen ohne Probleme. Mit einem Lächeln geht alles. Der nächste Zug fährt um 2 Uhr nachts. Die Bahnhofsstühle erlauben es nicht zu schlafen. Dafür sorgen Sitzflächen in Kindergröße, Armlehnen aus Stahl und Plastelehnen in Neonfarben jeglicher Wellenlänge.

Dagegen gleicht die 1,5 Quadratmeter Pritsche im stickigen Abteil voller getigerter Nachthemden dem Paradies. Der Zug holpert durch die Nacht.
40 Minuten gen Süden.
Dann das Deja Vu: Es quietscht. Ein Hund bellt. Die Waggontür öffnet sich geräuschvoll. Die tiefen Stimmen dreier Männer in grünen Uniformen kommen immer näher. Stampfstampf. „Passport!“ Es sind die Reiter der Apokalypse mit ihrem Höllenhund Teddy. „Passport!“
Sie sehen ein Transitvisum. Ausgestellt in Gomel. Am heutigen Tag.

Киев для пограничной охраны - Kiev für Grenzbeamte

Sie blicken ahnungsvoll auf…und fangen an zu lächeln wie drei Kinderschokoladejungen:
„Wie war’s denn? Hatten Sie Probleme? Ist alles in Ordnung?“
„Oho, es scheint, ich habe drei neue Freunde,“ denkt sich die Schwarzfahrerin. Sie unterdrückt das starke menschliche Bedürfnis, den neugewonnenen Homies zum Abschied auf die Schultern klopfen und Teddy in die Backen zu kneifen.

Erst als die Reiter hinfortgeeilt sind, bemerkt die Schwarzfahrerin die tigergemusterte Traube, die sich um ihre Pritsche gesammelt hat. Reihen ungläubiger Blicke. Anscheinend das ganze Abteil drängt sich um die vorderen Plätze. „Woher kennst du denn die Grenzbeamten? Was ist denn mit dir passiert?“
Die Schwarzfahrerin weiß, der Russe hört gerne gute Geschichten. Und irgendjemand im Hintergrund fängt sicher bereits an, Popcorn zu verkaufen.
Doch die Schwarzfahrerin beschließt, ihre zwei Minuten Ruhm an einem anderen Tag zu verbrauchen. An einem langweiligeren. Bedauernd dreht sie sich um.

Zufrieden hört sie zu, wie der schnarchende Zug über die Grenze schaukelt. Ukraine…Kiev…Das Ziel ist ganz nah. Das andere ist für heute längst erreicht: Der Endsieg über die Langeweile!

Киев для пролетариев - Kiev für Proletarier

[Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind weder rein zufällig noch frei erfunden]

Holzfäller und Bergarbeiter

Ihr habt noch nicht genug? Dank meiner Dozentin Anna Mihajlovna Sosnovskaja mit einer der wenigen sinnreichen Seminare an meiner Fakultät („Werbepsychologie“), kann ich euch Horror-“Sozialka“, die Fortsetzungsepisode präsentieren. Proudly.

Zum Tag der Jugend. Produziert [aufgemerkt!] zur patriotischen Erziehung der jungen Generation. Gemäß des Weltbilds ihrer pubertierenden Zielgruppe benutzt die „Sozialka“ durchgängig extreme Polarisierungen: Alles oder Nichts! Wer braucht schon die gemäßigte Mitte?
Passend dazu stammt die Hintergrundmusik im ungepitchten Orginal aus dem sowjetischen Film „Приключение электроника (Abenteuer Elektronik)“ von 1979.
Abenteuer Elektronik
Passend, denn es geht im Film um einen Jungen und seinen Roboterklon: Der eine hats drauf, der andere nicht.
Der Held und der Niemand.
Der Erste und der Letzte.

Hier also das zweite Prachtstück russischer Werbekunst, inkl. meiner bescheidenen Übersetzung.
Aber Vorsicht! Gerade für den geschichtlich gelehrsamen Deutschen eher schwer verdauliche Kost, würde ich meinen.


„Falls du auf den Moment, die Möglichkeit gewartet hast, dein Leben zu verändern:
Die Zeit ist gekommen!
Die Zeit des Umschwungs!
Deine Zeit!

Russland.
100 Jahre.
Glaube. Arbeit. Verstand. Mut. Geduld. Liebe.
Eine Millionen Leben. Du.
Das größte Land der Welt.
Das reichste Land der Welt.
Das beste Land der Welt.

Dein Land wird es nicht mehr geben.
Du tust nichts. Du konsumierst nur.
Dein Studium, deinen Beruf braucht das Land nicht. Das ist Arbeit für jemand anderes.
Du trinkst, rauchst, kiffst.
Stirbst mit 55-60.
Du willst keine Kinder,
Du willst keine Familie,
In die Armee willst du nicht.
Alles was du tust, tust du nur für dich.

Schau dich um! Wach auf!
Du lebst dein Leben einfach so vor dich hin und denkst dabei, du verwendest es für etwas Sinnvolles. Doch alles was nach dir bleibt ist eine Steintafel mit 16 Ziffern.
Hör auf dich selbst zu belügen!
Du gründest nichts, baust nichts, produzierst nichts, erfindest nichts, planst nichts.
Nichts.

Du denkst, du hast keine Beziehung zu Russland.
Alles entscheiden irgendwelche Leute irgendwo.
Aber in Wirklichkeit hat das Land außer dir niemanden, du bist seine Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit, seine erste und letzte Hoffnung.
Und das ist schrecklich, denn du selbst brauchst ja nichts. Du bist Konsument, die Batterie in einem riesigen fremden Getriebe.

Was hälst du für wichtig?
Geld? Dein Handy? Stylische Klammotten? Dein Auto? Partys?
All das zählt nichts!3
Und deine Zeit und deine Träume, die es nicht gibt, kosten dich dein Leben.

Blick dich um! Dein Land stirbt.
Im Weltsystem sind wir Holzfäller und Bergarbeiter.
Wir sind nicht konkurrenzfähig.
Uns reißt man bei der ersten Gelegenheit in Stücke!2
Es gibt keine großen Errungenschaften, keine großen Siege, keine große Kultur.
Nichts.

Jetzt hast auch du Freiheit.
Die Freiheit, Bandit oder Prostituierte zu sein?
Die Freiheit zur Selbsterniedrigung?
Die Freiheit zur Erniedrigung?
Die Freiheit, ein Niemand zu sein?1

Deine Nächsten haben gekämpft, gebaut, erfunden, sind gefallen, wieder aufgestanden und weiter gegangen dafür, dass du lebst. Sie haben ein großes Land aufgebaut.
Und du?
Ein undankbares Rindvieh oder der, die die Welt verändern kann?
Ein Niemand oder ein Held?
Der Letzte oder der Erste?
Entscheide selbst!
Aber wisse: Außer dir gibt es Niemanden. Niemand lebt dein Leben für dich!
Und unser Land hat 2 Möglichkeiten:
Die Auferstehung oder den Untergang.“

  1. Welch geistreiche Parodie auf die Freiheit made in U.S. [zurück]
  2. Ich glaube das heißt Paranoia im fortgeschrittenen Stadium [zurück]
  3. kurzum: Kapitalismus ist SCHLECHT! [zurück]

Nun, die Sowjetunion ist eben doch erst 20 Jahre tot.
Außer natürlich unter Holzfällern, Bergarbeitern und anderen Werktätigen.
Und offenbar in der Werbeindustrie.

Horror fürs Volk

Um sich einen richtig schockigen Thriller anzusehen, braucht der Russe kein teures Geld fürs Kino zu zahlen: Um sein Volk gesund und geburtstüchtig zu halten lässt der Staat was springen. Zu dem Zweck erbaut er ihm offenbar auch eine eigene Horrorfilmindustrie.

„Sozialka“ heißt die Art von nicht konsumorientierter Werbung zur Erziehung des Pöbels. Ein Prinzip, dass nicht nur als Film funktioniert, sondern auch in Form von Plakaten immer wieder von Metroschachtwänden lächelt: Volkstümliche Redewendungen auf buntem Folkloremuster, eine Reihe Matroschkas als Appell an die Familie als Keimzelle der russischen Kultur und fröhliche Mütter beim natürlichen Stillen von Säuglingen.

Vielleicht ist es eine Frage der Gewohnheit. In 24 Jahren kapitalistischer Sozialisation haben mich idealisierte Werbewelten wohl weich geklopft. Harmonie, Genuß, Zerstreuung durch den Kauf des Konsumguts. Werbung als Opium.
Bei der Drastik so mancher „Sozialka“ dagegen kommen in mir jetzt direkt Jugendschutzgedanken auf.

Seht selbst. Folgende „Sozialka“ gegen Rauchen ist meines Erachtens ein Thriller ab 18, gepaart mit medizinischen Termini und Statistiken.
Laut meiner Prognose wird Russland nach dieser Kampagne innerhalb von kürzester Zeit zum Nichtraucherstaat. Allerdings warte ich auf die Gegensozialka zur Eindämmung der verursachten psychischen Folgeschäden:

Eigentlich denke ich, es ist überflüssig es noch zu erwähnen, aber das Zauberwort heißt KAUGUMMIZIGARETTEN!
Rauchen schadet nicht!

Die fabelhafte Welt der Amnesie

kind

Zitat des Tages:
„Kinder zu vergiften ist grausam. Aber irgendetwas muss man ja schließlich mit ihnen anfangen!“
„Травить детей – это жестоко. Но что ни будь ведь надо же с ними делать!“
Daniil Charms – Experte für absurde Literatur

Unsinn für Fortgeschrittene

ionesco
Experten für Absurde Literatur behaupten, Ionesco begründete seine Theorie des Absurden Theaters auf folgendem Erlebnis:
Er wollte Englisch lernen, schlug sein Lehrbuch auf und…
„Gewissenhaft schrieb ich die Sätze aus meinem Lehrbuch ab, um sie auswendig zu lernen. Als ich sie aufmerksam wieder durchlas, lernte ich zwar nicht Englisch, dafür aber erstaunliche Wahrheiten: daß die Woche sieben Tage hat zum Beispiel … oder, daß der Fußboden unten, die Decke oben ist…“

Schade, dass Ionesco den Vogel schon abgeschossen hat. Denn auch Violettas Deutschlehrbuch bietet Weisheiten folgendes Kalibers:
„Walter wäscht sich mit Seife. Dann trocknet er sich mit dem Handtuch ab und putzt sich die Zähne mit Zahncreme.“
„Frau Müller ist Hausfrau. Sie führt den Haushalt.“
„Unsere neue Wohnung bietet allen möglichen Komfort: eine Küche, einen Müllschlucker, kaltes und sogar warmes Wasser…“

Übrigens, Experte: Das heißt gut systematisierte Artikel in wohlgewählten Worten schreiben.
Absurde Literatur: Das heißt Zeigen, dass der Mensch orientierungslos, jeder Dialog stupide und Sprache ein Vergewaltigungsinstrument ist, um der Welt brutal einen Sinn einzuverleiben.

Also heißt Expertise für Absurde Literatur: Sprachliche Systematisierung einer Kunstrichtung, die ja gerade zeigen will, dass Systematisierung der Welt mittels Sprache Faschismus ist.
Experte für Absurde Literatur ist folglich so ziemlich die Absurdeste Profession, die es gibt…

Und jetzt werde ich mit der Untergrundbahn zu Kristina fahren, zu Fuß zu ihrer Wohnung mit allem erdenklichen Komfort laufen und mit dem Besteck das Abendessen essen, das sie selbst gekocht hat. In einem Topf.

Naturheilkunde

beamte Solltet ihr einen hartnäckigen Phlegmatismus in eurer Seele sitzen haben - Vergesst all eure Psychopharmaka! Ich habe ein wirksames Heilmittel gefunden, das noch dazu völlig für umsonst ist: Die russische Bürokratie.
Therapieresistenz ausgeschlossen! Geld-zurück-Garantie!

Der Therapieverlauf sieht Folgendes vor:
1. Wartephase -/> Stundenlanges Anstehen in der postsowjetischen Schlange
2. Diskussionsphase --> Auseinandersetzen des Problems vor einer älteren Dame mit agressionssteigerndem Äußeren: wildgemustertes Hemd, hornbebrillt, diverse Farben im Gesicht; Gesichtsausdruck: im sichtlichen Genuss ihrer lächerlichen kleinen Machtposition
3. Wartephase --> Ausharren der dämlichen Telefongespräche (Gesichtsausdruck: bühnenreif gestresst) mit der nächsthöheren Dienststelle, da es nicht zu ihrem Kompetenzbereich gehört, ohne Anweisung einer Respektsperson Entscheidungen zu fällen
4. Wartephase --> Die Damen der nächsthöheren Dienststelle rufen die Damen der nächsthöheren Dienststelle erfolglos an (Aussehen: siehe Punkt 2)
5. Diskussionsphase --> Erneute Problemerörterung durch den Patienten im Choral mit der laut gestikulierenden Dame, weil der Kern der Sache vor lauter Telefonrecherche mittlerweile in ihre Vergessenheit geraten ist. Spätestens an diesem Punkt sollten beim Patienten leichte Hautreaktionen auftreten.
6. Diskussionsphase --> Die nun scheinheilig wohlwollende Dame schickt den Patienten zu einer anderen Dienststelle, mit der Forderung nach dem Dokument für das Dokument

--> beliebige Wiederholung des ganzen Prozederes, beginnend bei 1.

Heilungserfolge:
Der Patient, der zu Ende des Tages einen Haufen Dokumente in der Hand hält, nur nicht das, das er brauchte, wird feststellen, dass kleinere Agressionsausbrüche den Entscheidungswillen der Beamten um ein Vielfaches steigern können. Und auch die Freundlichkeit – denn ihr Organismus funktioniert nach dem Prinzip „Nach oben Buckeln, nach unten Treten!“, wie eine Bekannte das mal so nett nannte.

Also, liebe Stoiker und Phlegmatiker: Schreien und Fluchen…und der Sieg ist euch gewiss!

Siiiieg…Ich werde siegen…mu ha ha…SIIIIIIIEGEN…..!
[Ech…Momentchen mal eben, mein Auge fängt wieder an zu zucken]



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  1. images.google.de (6)



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