KAPITEL 1. Das persönliche Amüsement.
Im Leben gibt es nur ein sinnvolles Ziel: Es darf nicht langweilig werden. Jeder Mensch sucht sich deshalb seine ganz individuelle Belustigung.
Die Belustigung der Protagonistin dieser Geschichte ist das Reisen. Und so stellt sie sich gelangweilt in der kilometerlangen Schlange am Sankt-Petersburger Bahnhofsschalter an, um einer wortkargen Dame hinter Glas ihren deutschen Pass hinzustrecken und ihren Reisewunsch zu äußern.
Wenig später informiert das frischgedruckte Zugticket:
Wagon 8, Pritsche 43.
Fahrtzeit: 24 Stunden.
Sankt-Petersburg – Kiev.

KAPITEL 2. In einem Boot.
Nach einer kurzen Nacht im Zug erwacht sie von etwas Unerwartetem: Sonne. Ein Phänomen, dass sie nach acht Monaten Sankt-Petersburg nur noch von Augenzeugenberichten kennt. Mit dem Interesse eines Forschungsreisenden räkelt sie sich auf ihren 1,5 Quadratmeter Privatsphäre mit der Nummer 43 und blinzelt aus dem staubigen Zugfenster. Ein Bahnhof. Ein Schild. VITEBSK.
Vitebsk. Vitebsk….schallt es in ihrem Kopf.
Liegt Vitebsk nicht in Weißrussland?
Ein Gefühl macht sich in ihr breit, dass mit Langeweile nur noch peripher etwas zu tun hat. Denn sie weiß: Der EU-Bürger darf zwar visafrei in die Ukraine einreisen. Allerdings braucht er ein Transitvisum, um durch Weißrussland fahren zu dürfen – auch wenn er seinen Fuß nie auf weißrussische Erde setzt. Hat er das Transitvisum nicht, tja, was dann? Kommt er dann in die Hölle?
Die Hände der Protagonistin werden nass, ihre Atmung geht flach. Doch noch gibt es Hoffnung.
Scheinheilig ruhig fragt sie ihre frisch zugestiegene Pritschennachbarin: „Liegt Vitebsk nicht in Weißrussland?“ Eine Pause folgt. Dann die Antwort. In Zeitlupe.
„Na-tür-lich!“
Die Dame ist entrüstet ob soviel Unwissenheit. Offenbar ist sie Weißrussin. Ihre Entrüstung ist der Beweis. Ebenso wie ihr weißes Haar.

Der Magen der Protagonistin zieht sich zusammen. Von ihren Händen rinnen nun Wasserfälle. Wie ein Puzzle setzt sich alles zusammen. „Ach, Oh Weh! Wieso hat mir die Dame am Schalter nicht gesagt, dass der Zug durch Weißrussland fährt? Sie hat doch meinen deutschen Pass gesehen! Und wieso habe ich es mir eigentlich nicht selbst gedacht? Schließlich bin ich in Petersburg am VITEBSKER Bahnhof eingestiegen!…Sie werden mich verhaften! Aus Dummheit! Die Leute sagen, in russischen Gefängnissen wird geprügelt. Was, wenn sie mich nie mehr zurücklassen? Schließlich bin ich jetzt ein illegaler Einwanderer.“
In Gedanken sitzt sie in einem Boot mit ihren afrikanischen Brüdern und Schwestern. Auf Steuerbord die Küsten Europas…Und der Zug schaukelt und schaukelt.
Ein halber Tag noch bis zur ukrainischen Grenze. Ein halber Tag psychischer Folter. Ratterratterratter in Richtung Hölle.
Endlich quietscht es. Hunde bellen. Die Waggontür öffnet sich geräuschvoll. Die tiefen Stimmen dreier Männer in grünen Uniformen kommen immer näher. Und dann: „Passport!“ Das müssen sie sein: Die Reiter der Apokalypse mit ihrem Höllenhund. „Passport!“ Es ist das erste mal, dass sich die Schwarzfahrerin nicht über den Anblick ihres deutschen Passes freut.
„Vielleicht übersehen sie ja das fehlende Visum…“ Doch wie können sie etwas übersehen, das gar nicht zu sehen ist?
Auch bestechlich sind Höllenreiter nicht. Sie sind hart. Unbeirrt bitten sie die Schwarzfahrerin, den Zug zu verlassen.
Sie räumt ihren Platz. Nach Stunden der Anspannung ist sie nun innerlich völlig ruhig. Überhaupt schweigt das ganze Zugabteil. Stille Augenpaare. Die weiße Russin ist noch weißer geworden. Sie drückt die Hand der Verurteilten zum Abschied. Sie hat ihr längst verziehen. Die Schaffnerin wünscht Alles Gute.
Dann fällt Waggontür 8 hinter der Schwarzfahrerin ins Schloss. Sie weiß: Es ist ihr letzter Gang.
KAPITEL 3. Das Lächeln der Verzweiflung.
Es folgt der Wendepunkt: Die Wende zurück nach Norden. Die apokalyptischen Reiter sehen bei Sonnenlicht gar nicht mehr so bedrohlich aus. Auch der Höllenhund heißt eigentlich Teddy und hat es sich auf dem warmen Teer der Plattform gemütlich gemacht. Auf dem Nebengleis fährt ein Zug ein. In Gegenrichtung. Die Reiter verabreden mit dem Schaffner, die Schwarzfahrerin kostenlos zu transportieren. 40 Minuten lang kostenlos Zugfahren, für eine DeutscheBahn-Geschädigte die reinste Wonne. „Steigen Sie in GOMEL aus! Dort bekommen Sie Ihr Transitvisum!“ Sie drücken ihr zum Abschied eine Adresse in die Hand. Und dann passiert das Unmögliche: Sie lächeln!
Gomel ist die Stadt, aus der bisher niemand lebend zurückgekehrt ist. Warum? Das altbekannte Spiel. Verwaltungseinheit A schickt sie zu Verwaltungseinheit B, B zu C, und C wieder zu A. Niemand ist für nichts zuständig. Das grüne, das blaue, das rote Dokument und tausend Adressen in der Hand findet sich die Schwarzfahrerin langsam damit ab, dass sie ihre Lieben nie wieder sehen wird.

Endlich erreicht sie die richtige Administration. Ein Frauenbetrieb: Sechs lächelnde Damen in Uniform.
Längst hat die Schwarzfahrerin das System durchschaut: Weißrussland und Russland haben die gleiche stupide Bürokratie. Es gibt allerdings einen Unterschied: Während die russischen Beamten sich scheinbar mit ihren Gesetzen so sehr identifizieren, dass ihnen regelmäßig das Wutblut zu Kopfe schießt und die Stimme der Heiserkeit anheim fällt, bleibt der Teint der weißrussischen Beamten beim Vollstrecken ihrer Regeln weiß. Stattdessen lächeln sie einfach immerzu.
Allerdings macht das die Sache nur noch absurder.
Die sechs Frauen in Uniformen haben schnell verstanden, dass es sich in diesem Fall nicht um einen billigen Immigrationsversuch handelt, sondern um die ziemlich dumme Fahrlässigkeit einer ziemlich dummen Ausländerin, die schlichtweg nicht wusste, dass der Zug durch Weißrussland fährt. Dennoch verbringt die Schwarzfahrerin die folgenden 2,5 Stunden damit, einem uniformierten Damenrücken in jedes Zimmer des Erdgeschosses zu folgen. 102, 103, 104, 105,…In jedem Zimmer steht ein zentnerschweres Buch im Regal, das unbedingt von der Schwarzfahrerin signiert werden muss. Ein Protokoll wird aufgesetzt, ein Transitvisum in den Pass geklebt…und eine Strafe wegen Verletzung der Staatsgesetze ist zu zahlen: Ein Millionenbetrag. In weißrussischen Rubeln.
In Euro: 15.
Endlich sieht die Schwarzfahrerin das Tageslicht wieder. Beschwingt schließt sie die Tür hinter sich. Doch…„Warten Sie! Warten Sie!“ tönt es blechern dahinter.
„Was haben sie sich denn jetzt noch ausgedacht?“ denkt sie und zieht kurz in Erwägung, einfach loszurennen. Aber da blitzen bereits die Perlweißzähne der Uniformdame Nr.4 zwischen dem Türspalt hervor. Lächeln: „Wir haben vergessen, Ihre Fingerabdrücke zu nehmen!“ Natürlich.
KAPITEL 4. Schwarz.
Zimmer 311. Drei Männer lächeln hinter drei Schreibtischen hervor. Für Männer war im Erdgeschoss wohl kein Platz mehr.
Während die Schwarzfahrerin überlegt, was für einen Verwaltungsaufwand wohl ein richtige Straftat verursachen würde, färbt ein Junge namens Vova seine quietschende kleine Rolle in einer dicken schwarzen Paste. Das Schwarz fühlt sich kalt an auf den Daumen und hat die Macht, Daumen auf weißem Papier in riesige Kreise zu verwandeln. Wie hübsch! Gerührt hebt sie die beschmierte Hand in Richtung der drei Männer. „Nun denn! Auf Wiedersehen!“
„Halt! Das war noch nicht alles!“ ruft lachend Vova durch das helle Quietschen seiner Rolle, die sich als Drohung schon wieder neu in der schwarzen dicken Paste suhlt.
Um den Mund der Schwarzfahrerin zuckt nun ein Lächeln. Sie kommt der Sache langsam auf den Grund: Nein, Lächeln ist in Weißrussland keineswegs eine Geste der Freundlichkeit. Es ist die pure Resignation!
Sie betrachtet das Muster ihrer auch anderen 8 Finger auf dem weißen Papier und belässt es dann vorsorglich bei einem stummen Winken. Vielleicht war „Auf Wiedersehen!“ einfach nicht die richtige Abschiedsformel.
„Halt! Das war noch immer nicht alles!“ Autsch! Vovas Rolle quietscht zum dritten mal. Jetzt nicht mehr auf dem Tisch, sondern in ihrem Kopf. Die Schwarzfahrerin fühlt einen hysterischen Anfall in sich hoch kriechen. Laut lachend will sie ihren Kopf in die schwarze dicke Paste schmeißen, herumwälzen und auf das schöne weiße Papier drücken. „Da!“ möchte sie kreischen. „Wollt Ihr auch noch meine Füße?“
Doch der lächelnde Vova will nur noch ihre Handflächen.
Ihr Hände sind nun völlig schwarz, kein weißer Flecken ist mehr zu sehen. „Was für ein geistreiches Stigmata habt ihr euch da einfallen lassen – für Schwarzfahrer!“
KAPITEL 5. Absurdes Theater für 1 Mio.
Gehetzt, stinkend und schief lächelnd rennt die Schwarzfahrerin nun durch Gomel. In ihrer Paranoia davor, dass ihr Uniformdame Nr.1 auf dem Heimweg zufällig in die Arme läuft und überdenkt, Fußabdrücke könnten vielleicht doch nicht schaden, beschließt die Schwarzfahrerin, vorsorglich in einem Restaurant Unterschlupf zu suchen. Sie hechtet sich nach links in einen leeren Raum.
Drei Frauen sitzen an einem Tisch. Sie schweigen. Im Dunkeln.
„Entschuldigung, ist hier geschlossen?“
Stille.
Dann plötzlich Krach. Die Schwarzfahrerin fährt zusammen.
„Nein! Nein! Nein!“ Die Frauen springen auf und klatschen euphorisch in die Hände. Die Erste macht das Licht an. Die Zweite dreht die Musik auf. Die Dritte drückt den Gast auf einen Stuhl am besten Tisch des Hauses und verschwindet in der Küche. Kurz zieht die Schwarzfahrerin in Erwägung zu fragen, seit wie vielen Jahrhunderten hier kein menschliches Wesen mehr gespeist hat und ob es die Besitzerinnen wohl bevorzugten, erst einmal frische Produkte einkaufen zu gehen.
Die Köchin kocht schnell. Sie hat nur einen Gast und ist zudem hochmotiviert. Wenn das Essen einmal gar ist, vollzieht sich wiederholt folgendes Spektakel: Die Köchin kommt aus der Küche, schlurft zur Bedienung an der Theke, tippt sie an, ruft „Fertig!“ und zieht sich wieder in die Küche zurück. Die Bedienung bindet sich ihre Schürze um, folgt der Köchin in die Küche nach und bringt die Speisen dem König Gast. Der in zwei Metern Luftlinie Entfernung sitzt. „Das ist wohl eine neue Arbeitsbeschaffungsmaßnahme,“ schmunzelt die Schwarzfahrerin, „oder das absurde Theaterstück ist im Preis inklusive.“
Der Preis für üppiges Essen, üppig Wodka und absurdes Theater ist eine Millionensumme. In weißrussischen Rubeln. In Euro:10.
Die Schwarzfahrerin gibt ein bescheidenes Trinkgeld von einigen 100 000.
KAPITEL 6. Zwei Minuten Ruhm.
Weißrussland ist ein großzügiges Land. Das Zugticket nach Kiev lässt sich umtauschen ohne Probleme. Mit einem Lächeln geht alles. Der nächste Zug fährt um 2 Uhr nachts. Die Bahnhofsstühle erlauben es nicht zu schlafen. Dafür sorgen Sitzflächen in Kindergröße, Armlehnen aus Stahl und Plastelehnen in Neonfarben jeglicher Wellenlänge.
Dagegen gleicht die 1,5 Quadratmeter Pritsche im stickigen Abteil voller getigerter Nachthemden dem Paradies. Der Zug holpert durch die Nacht.
40 Minuten gen Süden.
Dann das Deja Vu: Es quietscht. Ein Hund bellt. Die Waggontür öffnet sich geräuschvoll. Die tiefen Stimmen dreier Männer in grünen Uniformen kommen immer näher. Stampfstampf. „Passport!“ Es sind die Reiter der Apokalypse mit ihrem Höllenhund Teddy. „Passport!“
Sie sehen ein Transitvisum. Ausgestellt in Gomel. Am heutigen Tag.

Sie blicken ahnungsvoll auf und fangen an zu lächeln wie drei Kinderschokoladejungen:
„Wie war’s denn? Hatten Sie Probleme? Ist alles in Ordnung?“
„Oho, es scheint, ich habe drei neue Freunde,“ denkt sich die Schwarzfahrerin. Sie unterdrückt das starke menschliche Bedürfnis, den neugewonnenen Homies zum Abschied auf die Schultern klopfen und Teddy in die Backen zu kneifen.
Erst als die Reiter hinfortgeeilt sind, bemerkt die Schwarzfahrerin die tigergemusterte Traube, die sich um ihre Pritsche gesammelt hat. Reihen ungläubiger Blicke. Anscheinend das ganze Abteil drängt sich um die vorderen Plätze. „Woher kennst du denn die Grenzbeamten? Was ist denn mit dir passiert?“
Die Schwarzfahrerin weiß, der Russe hört gerne gute Geschichten. Und irgendjemand im Hintergrund fängt sicher bereits an, Popcorn zu verkaufen.
Doch die Schwarzfahrerin beschließt, ihre zwei Minuten Ruhm an einem anderen Tag zu verbrauchen. An einem langweiligeren. Bedauernd dreht sie sich um.
Zufrieden hört sie zu, wie der schnarchende Zug über die Grenze schaukelt. Ukraine…Kiev…Das Ziel ist ganz nah. Das andere ist für heute längst erreicht: Der Sieg über die Langeweile!